Koscher in Kiel

Hinter schlichter Fassade ├Âffnet sich ein Raum mit bunten Wandfotos und offener K├╝che, der vor Lebensfreude spr├╝ht. Hier trifft man/frau sich zum Beten, Feiern, Singen, Basteln und Lernen. Etwa 240 Menschen frequentieren die Synagoge in der Jahnstra├če, die dem Landesverband der J├╝dischen Gemeinden von Schleswig-Holstein angeh├Ârt. Und der legt gro├čen Wert auf seinen Namensanhang: K.d.├Â.R. ÔÇô K├Ârperschaft des ├Âffentlichen Rechts. ÔÇ×Diesen Status haben uns die Nazis damals aberkanntÔÇť, sagt Walter Joshua Pannbacker, Lehrer und Kantor der Gemeinde. Gr├╝nde zu feiern gab es zuletzt reichlich. Innerhalb eines Herbstmonats arbeiteten sich die Juden vom Neujahrsfest Anno 5778 ├╝ber den Vers├Âhnungstag Jom Kippur und das Laubh├╝ttenfest zum Torah-Freudenfest durch. Im November herrscht hier erst einmal Verschnaufpause. W├Ąhrend sich die Lutheraner langsam auf den j├Ąhrlichen Advent, zu deutsch: Ankunft, vorbereiten, bleiben die Hebr├Ąer in ihrer Warteschleife auf den Messias. Der Religionsdialog ist noch jung. Die seltenen ├ťbertritte erfordern eine dreij├Ąhrige Nachschulung in Grunds├Ątzen der Torah und koscherer Lebensf├╝hrung. Es gibt auch offene Veranstaltungen in Kiel, etwa drei- bis viermal im Jahr. So wird am Sonntag, 5. November ÔÇ×Osteurop├Ąische Musik der SynagogeÔÇť in der Hebbelschule zum Besten gegeben. Anmeldung ist unter Tel. 0431/6575030 m├Âglich. Walter Joshua Pannbacker, geb├╝rtig in Ostfriesland, hat die Kieler Gemeinde in den letzten 13 Jahren mit aufgebaut. Vorsichtig zeigt er die Heiligen Schriften, die im Schrein hinter dem Lesepult verwahrt sind. Die urspr├╝nglich ├Ągyptische Torahrolle ist 150, die galizische ganze 250 Jahre alt. Vorbeten d├╝rfe eigentlich jeder, erkl├Ąrt der Kantor. Nur zu gro├čen Zeremonien und ├ťbertritten reist ein Rabbiner an. Das meiste organisiert die Gemeinde selbst, so auch eine Reisegruppe f├╝r Senioren und den Sprachkurs ÔÇ×Deutsch f├╝r ZuwandererÔÇť. Ein koscherer Kochclub, Theatergruppe und ein Chor halten die Gemeinschaft in Schwung. In dem Projekt ÔÇ×Ich in der WeltÔÇť d├╝rfen syrische Fl├╝chtlinge Bilder malen und basteln, um ihr Trauma zu verarbeiten. Junge Gefl├╝chtete wurden im Sommer ins J├╝dische Museum Rendsburg eingeladen, wo sie das Leben von Fred Ring nachvollziehen konnten. Der gl├Ąubige Jude war in den 30ern in Rendsburg aufgewachsen und ├╝ber England in die USA entkommen, w├Ąhrend seine Eltern in Auschwitz starben. Die Fl├╝chtlingsarbeit zeigt: W├Ąhrend die Semiten in Nahost noch mit ihrer Koexistenz hadern, finden sie an frischer Ostseeluft leicht zueinander: ÔÇ×Wir kommen mit den Moslems gut aus, Anfeindungen kamen in den letzten Jahren nur aus der rechten EckeÔÇť, erkl├Ąrt Pannbacker. J├╝disches Leben in Kiel hat Tradition, schon im 17. Jahrhundert siedelten Familien nach Kiel. Mit dem Aufbl├╝hen der Stadt wuchs die j├╝dische Gemeinde bis auf 600 Personen. 1910 weihte die Israelitische Gemeinde ihre Hauptsynagoge an der Goethestra├če ein. Der Betsaal des Kuppelbaus bot ├╝ber 300 Gl├Ąubigen Platz, bis das Haus am 9. November 1938 in Brand gesteckt wurde. Nur ein Mahnmal verweist auf den Standort. Die Stadt tilgte fast alle Spuren j├╝dischen Lebens, sodass lediglich der Friedhof in der Michelsenstra├če ├╝berdauerte. Es sei allgemein schade, dass in Kiel so viel alte Bausubstanz abgerissen wurde, bedauert Pannbacker den Umgang mit der Vergangenheit. Durch Zuwanderung aus Osteuropa erlebte der Glaube in den letzten Jahren seine Wiedergeburt an der F├Ârde. Heute k├Ânnen Neukieler zwischen der liberalen Gemeinde am Schrevenpark und der orthodoxen Alternative in Gaarden w├Ąhlen. Dabei kn├╝pft die Synagoge in der Jahnsta├če an die gem├Ą├čigt-liberale Tradition der Region an. Das hei├čt: Frauen sind gleichberechtigt, die Texte zeitgem├Ą├č und das Flair international. Zwar stammt auch hier die Mehrheit aus der ehemaligen Sowjetunion und ist nach deren Aufl├Âsung, meist zwischen 1990 und 1999, eingewandert. Doch mischen sich an der koscheren Festtafel vor dem Betsaal mitunter bis zu zw├Âlf Muttersprachen ÔÇô von Ungarisch ├╝ber Amerikanisch bis D├Ąnisch. Ein babylonisches Gewirr. Jutta Ehmsen

Bild: Erinnert an die alte Synagoge: Mahnmal in der Goethestra├če.

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