Freimaurer an der Ostsee

Was haben Goethe, Genscher und Gershwin mit den meisten amerikanischen PrĂ€sidenten gemeinsam? Sie verrichteten im schwarzen Anzug mit Zylinder und weißen Handschuhen Tempelarbeit, denn sie gehörten den Freimaurern an. Auch in Kiel treffen sich 124 „BrĂŒder“ mehr oder weniger regelmĂ€ĂŸig in der Beselerallee, wo die Johannisloge Alma an der Ostsee ihr Hauptquartier hat. Eine der mitgliederstĂ€rksten Logen im deutschen Raum, Tendenz: wachsend. „Viele suchen hier Orientierung“, erklĂ€rt sich der Logenmeister das PhĂ€nomen. Ihren Ursprung hat die Freimaurerei in den BauhĂŒtten der Steinmetze und Dombauer des Mittelalters, in denen die Handwerker organisiert waren. Die 1. Loge wurde 1717 in London gegrĂŒndet, wo noch heute die weltweite Zentralverwaltung der Freimaurer einen ganzen HĂ€userblock einnimmt, obwohl von den derzeit etwa 2,7 Millionen LogenbrĂŒdern allein 1,9 Millionen in Amerika leben. Alma an der Ostsee, benannt nach dem gutmĂŒtigen Fabeltier, wurde 1866 durch Rektor Johann Hussmann begrĂŒndet, der auch ihr erster Logenmeister war. Der Kieler Geheimbund entwickelte sich rasch, wozu prominente LogenbrĂŒder wie der Reeder und Politiker August Sartori beitrugen. 1908 wurde das Logenhaus am Lorentzendamm an der Stelle eingeweiht, wo heute die Industrie- und Handelskammer sitzt. Auf ihrem Höhepunkt umfasste die Loge 1927 350 Mitglieder, bevor sie im Dritten Reich verboten wurde. Seit 1953 befindet sich ihr Ă€ußerlich unscheinbarer Treffpunkt in einem mĂ€chtigen Backsteinhaus in der Beselerallee. Im alten Treppenhaus, das zum Tempel fĂŒhrt, prangen ein GemĂ€lde von Kaiser Wilhelm I. und ein mit Symbolen ĂŒberzogener Wandteppich. Unter den Symbolen befinden sich neben den bekannten Zeichen wie Winkelmaß und Zirkel, Auge im Dreieck auch ein sechseckiger Stern Ă€hnlich dem Davidstern. In den Vitrinen blitzen kostbare Geschenke befreundeter Logen, Portraits an den WĂ€nden erinnern an alte Logenmeister – darunter auch ein jĂŒdischer Bankier aus Hamburg. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, die neuen Mitgliedern jederzeit offen steht, sofern zwei BĂŒrgen die Aufnahme befĂŒrworten. Voraussetzung ist ein Mindestalter von 21 Jahren, genĂŒgend Zeit und wirtschaftliche StabilitĂ€t sowie ein Bekenntnis zu den christlichen Grundwerten. Frauen haben keinen Zutritt, ihnen stehen eigene Logen wie in Flensburg zur VerfĂŒgung. Zur sogenannten Tempelarbeit trifft sich in Kiel ein Branchenmix, der vom Chirurgen und Anwalt ĂŒber Journalisten und Lotsen bis zum Handwerksmeister reicht. Durchschnittsalter 58. Im Mittelpunkt steht die stufenweise Arbeit in zehn Graden am eigenen Weltbild und den ritterlichen Tugenden. Als wichtige Tugend gilt die Verschwiegenheit. So ist den Adepten untersagt, die symboltrĂ€chtigen Einweihungsrituale an die Öffentlichkeit zu tragen. Doch das große Geheimnis sei in Wirklichkeit die eigene VerĂ€nderung, verrĂ€t Logenmeister Norbert JĂŒrgensen, der noch immer gerne an seine eigene Initiation vor 25 Jahren zurĂŒckdenkt: „Man wird durchdachter und fĂŒhlt sich verbunden.“ Trotz aller Geheimnisse, die den MĂ€nnerbund umranken, hat jedermann Gelegenheit, das Logenhaus zu besuchen und an Veranstaltungen teilzunehmen. Der Tag der offenen TĂŒr fĂ€llt in diesem Jahr mit dem JubilĂ€umsfest zum 150-jĂ€hrigen Bestehen zusammen. Es ist der 20. November. Unter: www.freimaurer-kiel.de und www.freimaurer-wiki.de gibt es weitere Informationen. Jutta Ehmsen

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