Plastik auf dem Meeresgrund

Es ist kaum zu übersehen. Plastik verunziert nicht nur die Wegesränder, sondern längst auch die Meere und ihre Strände. Der Abfall treibt bis in die Tiefseegräben, in denen der Mensch noch nicht war, tötet die Meerestiere und landet über die Nahrungskette auf dem Fischteller der Verursacher. Eher gleichgültig verhalten sich die Kunden bislang im Umgang mit Polyethylen-Taschen und unnötigem Verpackungsmaterial. Selbst die angeblich kompostierbaren Polyester-Tüten zersetzen sich in der Ostsee höchst langsam, wie das Kieler Forschungsteam von Geomar jetzt in einem 100-Tage-Versuch nachwies. Ein Problem vor allem für künftige Generationen. Die Menge giftiger Schadstoffe, die sich an Mikro-Partikeln ansammelt, beschäftigte deshalb auch die Landessieger von „Jugend forscht“, Finn Sombrutzki und Robin Hertel aus Neumünster – 20 und 21 Jahre alt. Die Politik springt ebenfalls auf das Mode-Thema auf. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Landeskollege Robert Habeck warnen unisono vor einem der „größten Umweltprobleme unserer Zeit“. Auf kommunaler Ebene suchen Entscheidungsträger gemeinsam nach Auswegen: „Plastiktütenfrei. Wir sind dabei.“ Mit diesem Slogan werben Kieler Kaufleute und Unternehmer für einen sparsameren Umgang. Umweltdezernent Peter Todeskino gab jetzt den Startschuss für eine Plakat- und Postkartenkampagne. Ein löbliches Signal. „Verbrauchen“ doch allein die Kieler jährlich 17 Millionen (!) Plastiktüten. Derweil untersagt die Stadt Hamburg ihren Angestellten, in öffentlichen Büros den Kaffee mit jenen Kapseln aufzubrühen, für die US-Schauspieler Georg Clooney so verführerisch wirbt. Eine Regelung, die bundesweit Nachahmer finden sollte. Denn allein in 2014 wurden in Deutschland 2,5 Milliarden (!) Aluminium-Kapseln gekauft, was einen Müllberg von 4000 Tonnen verursachte. Die Zahlen sind gigantisch und basieren auf ungenauen Schätzwerten: 6,4 Millionen Tonnen Müll gelangen nach UN-Angaben jährlich in die Ozeane. Plastik, vor allem Flaschen und Tüten, machen 41 Prozent des Meeresabfalls aus, hat eine internationale Forschergruppe von der Universität der Azoren ermittelt. Ein weiteres Drittel besteht aus Fischereimüll wie Netzen und Leinen. Allein in der Ostsee landen nach Schätzungen des WWF jährlich bis zu 10.000 Netze und Schnüre, in denen sich Fische, Robben und Meeressäuger verheddern. Weitaus schlimmer steht es offenbar um die Nordsee. So wurden auf einem Strandabschnitt von nur hundert Metern an der niederländischen Küste 236 Abfallteile gefunden. Zum Vergleich: Auf Fehmarn zählten die Umweltaktivisten auf gleicher Strecke 85, auf Rügen 190 Zivilisationsreste – vom Ölfass bis zur Hundekot-Tüte. Es gibt viel zu tun für die maritime Müllabfuhr. Auf einer Lübecker Werft entsteht zur Zeit ein solarbetriebener Spezial-Katamaran, der helfen soll, die Menge des im Meer treibenden Abfalls zu reduzieren. Ein Netz zwischen den Rümpfen soll dann pro Fahrt bis zu zwei Tonnen Kunststoffteile abfischen, die später an Land recycelt werden. Der Prototyp ist in Module zerlegbar und somit weltweit in Küstennähe einsetzbar. Denn das Schicksal der Meere liegt vor allem in den Händen jener Länder, die ihren Müll nach wie vor in offenen Deponien verklappen. Jährlich eine Billion Plastiktüten – übrigens eine Erfindung des Kaufhauskonzerns Horten aus dem Jahre 1961 – bedrohen langsam aber sicher unser aller Leben, und das ironischerweise ausgerechnet an seinem Herkunftsort, im Wasser. Jutta Ehmsen

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