Lotsen in ein neues Leben

Ein Thema dominiert die Nachrichten, weckt bei manchen eigene Erinnerungen, schürt Ängste und spaltet die Meinung einer ganzen Nation. Immer mehr Menschen nehmen Zuflucht bei uns – in der Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Wohlstand. Viel zu tun für die Flüchtlingslotsen, die sich in ihrer Freizeit um die Neuen kümmern. Der 22jährige Ajmal zum Beispiel meldet sich freiwillig, um eine Stadtrundfahrt mit Jugendlichen zwischen Universität, Pumpe und Seehundbecken zu begleiten. Die Fahrgäste sind minderjährig, fast Kinder, die ohne Eltern nach Kiel kamen. Niemand kennt ihre Gefühle und das Heimweh besser als Ajmal, denn er selbst ist erst vor zwei Jahren aus Afghanistan ausgewandert. Es ist erstaunlich, wie gut er die Sprache mit den vielen Zungenbrechern bereits beherrscht. Seit einem Jahr sind die Flüchtlingslotsen aktiv. Die Gruppe besteht aus Migranten, die ihr frisch erworbenes Wissen weitergeben. „Die Idee war, dass nicht nur Deutsche, sondern auch ehemalige Flüchtlinge helfen“, erzählt Martina Wackerhagen, die am Bildungsinstitut ZBBS Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Die jungen Leute – aufgewachsen mit Farsi, Dari, Kurdisch oder Arabisch – helfen nach dem Unterricht ihren Landsleuten, die noch nicht alleine zurechtkommen, begleiten zum Arzt, zur Bank oder aufs Amt. Zudem übersetzen sie am Hafenterminal, wenn Durchreisende festsitzen. Nicht jedem ist der derzeitige Ansturm von Refugees willkommen, doch eines scheint klar. Die Flüchtlingswelle ist nicht nur eine Belastungsprobe für Schleswig-Holstein, sondern birgt auch großes Potential. „Einige lernen sehr schnell“, berichtet die Lehrerin. Mehr als ein syrischer Schüler habe in 18 Monaten fließend Deutsch gelernt. Denn im Gepäck sind große Träume mitgereist. Im Gesundheitsdienst arbeiten möchte zum Beispiel der 25 jährige Desbele, der vor einem knappen Jahr aus Eritrea kam, weil ihn deutsche Ärzte dort schwer beeindruckt hatten. Seit September lernt bei der ZBBS, 16 Stunden wöchentlich. Endlich genug Unterricht, dankt er – noch auf Englisch. Mit Ehrgeiz dabei ist auch Fahime (Name geändert) aus Teheran, die noch nicht genau weiß, für welchen Studiengang ihre iranischen Zeugnisse reichen werden. Sie sei mit einem falschen Pass nach Hamburg geflogen, erzählt sie freimütig. Das könne jetzt jeder wissen, denn sie sei anerkannt. Auch Ajmal hat große Pläne, möchte Wirtschaft studieren, muss dafür noch Hürden überwinden: „Mathe ist echt schwer“, ächzt der junge Afghane, der früher in Kundus als Dolmetscher tätig war, und klingt dabei fast schon wie seine Kieler Kommilitonen. Jutta Ehmsen ZBBS Kiel: Zentrale Bildungs- und Beratungsstätte für Migrantinnen und Migranten e.V. seit 1985.

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