Gaarden – der Basar von Kiel

Warum in die Ferne schweifen? Wer exotische Märkte liebt, braucht nicht an den Bosporus oder das Horn von Afrika zu reisen. Schon mit einer Fahrt über die Gablenzbrücke kann der Besucher in eine bunte Welt eintauchen, die mit fremden Gewürzen und Düften lockt. Dienstags und sonnabends ist Wochenmarkt in Gaarden. Auf dem Vinetaplatz prallen die Geschmäcker und Stile hart aufeinander. Wo sonst gibt es so knallrote Jogginghosen mit Sternen wie bei Sarvan Singh Bahia aus Ellerbek, der auf den Märkten von Gaarden, Preetz und Laboe Kleidung von der Stange verkauft. Damit bedient er vor allem ältere deutsche Stammkunden, die an diesem Sonnabend auf dem Vinetaplatz in der Minderheit sind. „Die Türken achten sehr auf den Preis“, hat der Inder beobachtet, der seit 28 Jahren in Kiel lebt. Auch der Nachwuchs hat sein Sortiment auf einer Decke ausgebreitet: „Alles für einen Euro“, ruft der 11jährige Kurde Khalil und verteilt süße Gummibärchen, die er von seinem ersten Umsatz gekauft hat. Altes Spielzeug, Loom-Bänder und ein paar CDs haben er, seine Schwester und eine Freundin zusammengetragen. Khalils Eltern stammen aus dem Irak. „Da wo Krieg ist“, erklärt die 12-jährige Schwester Helin, Geburtsort Bielefeld. Genau 710 Iraker haben sich mittlerweile in Gaarden zusammen gefunden. Das ganze Viertel gleicht einem Basar mit ausländischem Stimmgewirr – überragt von den Portalkränen der Werft. Nach Angaben des städtischen Presseamtes konkurrieren – Schnapszahl – 111 Geschäfte: Vom Kiosk bis zum Supermarkt. „Sultan“ steht in großen Lettern über dem ausgedienten Penny-Markt in der Elisabethstraße / Ecke Augustenstraße. Hier umwerben viele tausend Produkte den östlichen Gaumen, darunter über 100 Olivensorten. „Wir wollen den Kunden das bieten, was sie von Zuhause gewohnt sind“, erläutert Yusuf Kiremit das Konzept. Neben Türken stehen vor allem Araber und Afrikaner vor der Kasse. „Deutsche kommen wegen des Fleisches“, sagt der Händler, der Salzwiesenlamm aus der Region verkauft. Riesige Reissäcke lagern im Fenster, knackige Knoblauchwürste im Kühlregal. Auch Sonnenblumenkerne gehören ins Sortiment: „Für die Deutschen Vogelfutter, doch die Türken snacken das gerne“, scherzt der Hausherr. Yusuf Kiremit, der Deutsch, Arabisch und Türkisch perfekt beherrscht, studiert übrigens an der Universität Rechtswissenschaften, wenn er nicht gerade die Buchführung fürs Familienunternehmen (vier Brüder plus Eltern) macht. Das seit über 800 Jahren besiedelte Ostufer der Hörn – historisch in klösterlich Gaarden (Ost) und fürstlich Gaarden (Süd) unterteilt – beheimatet heute Menschen aus 120 Ländern. Zahlreiche Bulgaren, Polen, Syrer und Russen beleben die vom Volksmund auch „Klein-Istanbul“ getaufte Ecke der Stadt, in der jeder siebte turkstämmig ist. Nach weiter Anreise sind die Neubürger mit schmalem Budget auf eine ortsnahe Versorgung angewiesen. Gut für Franz Knöttig, der auf dem Vinetaplatz Schuhe feil hält – das Paar Clogs für 3 Euro. Auch er hat weitreichende Wurzeln, wie sich der Händler entsinnt: „Meine Eltern sind Sudetendeutsche“. Jutta Ehmsen

Bild: Tomaten und Paragraphen: Yusuf Kiremit vom Sultan Markt studiert Jura.

Bild: Steht sonnabends auf dem Vinetaplatz: Schuhhändler Frank Knöttig.

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